Nicht Hollywood

Frag nicht Hollywood

 

 

 

 

Sie wusste nicht, wie sie es ihm sagen sollte. Es gab keine Worte um ihren Zustand zu beschreiben. Und keine, um ihm zu erklären, was eigentlich los war. ,,Was ist eigentlich los mit dir?“ hörte sie ihn sagen, tausendmal wie in einem Filmdialog. Aber sie hörte ihn nur in ihrem Kopf.

 

Es klingelte an der Tür. Das war er sicher. Etwas älter, als sie selbst und schwarzhaarig. Lange, schwarze Haare. Sie sog die Luft scharf ein und stand auf. ,,Hi.“ sagte sie und öffnete. Erst da wurde ihr bewusst, dass er es durch die Wohnungstür gar nicht gehört hatte. ,,Hi.“ sagte er, nun als Erster.

Sie senkte den Blick und lächelte, dennoch hielt sie einen gewissen Abstand zu ihm. Er machte einen Schritt auf sie zu, um sie zu umarmen, doch sie ließ es nicht zu, wich seinen Armen aus und bat ihn herein.

Er belächelte ihre Flucht und sie fühlte sich noch unwohler bei dem Gedanken, sein Lächeln könnte etwas bedeuten wie ,,Sie wird es schon noch lernen.“

Sie sah ihn von hinten und ihre Augen konnten sich nicht satt sehen. Er war so schön. So schön.

Seine Stimme hallte dumpf in ihren Ohren und sie zuckte zusammen. ,,Was hast du gerade gemacht?“

,,Nichts weiter. Gelesen. Gewartet.“

Er warf einen Blick auf ihren Wohnzimmertisch, auf dem ein Buch von Bastei Lübbe lag. ,,Du liebst diese Erfahrungsberichte, richtig?“ fragte er und hob es auf. Er blätterte kurz darin. ,,Ja....willst du was trinken? Cola?“ ,,Gerne.“

Sie verschwand in der Küche. Doch sie war nicht schnell genug. Schon ertönten seine Schritte hinter ihr und er kam sehr dicht neben ihr zum Stehen. Sein Atem traf ihren Nacken und sie schloss die Augen. Ihre Gedanken rasten unaufhörlich durch ihren Kopf  und sie wäre gerne davon gerannt, aber das war unmöglich. Sie bündelte alle Selbstbeherrschung, die sie fassen konnte, hob ihren Kopf und sah ihm tief in die Augen, obwohl es schier unerträglich war. Sein Mund näherte sich ihrem und sie verkrampfte sich vor Angst. Seine Hände umfassten ihre Taille und er zog sie dicht an sich heran. Sie stand da wie ein einziger Eisblock, unfähig sich zu rühren. Sein Gesicht kam näher und näher...

,,Nicht. Bitte nicht.“ hörte sie sich in die lauten Atemgeräusche sagen und hätte sich zugleich ohrfeigen können. Er hielt inne. ,,Warum nicht?“ Sie krallte sich in seine Hände und zerrte sie von ihrer Taille. ,,Ich k-ka...ich kann nicht.“

 

,,CUT!“ ,,STOPP! So geht das nicht!“ ,,Maria, wie oft habe ich dir gesagt: KEIN TEXT! Du LIEBST ihn. Du WILLST ihn. JA! JAA! Du willst ihn haben. HIER, JETZT, SOFORT!“

,,Sorry, kommt nicht wieder vor.“

Der Regisseur schüttelte den Kopf. ,,Das war jetzt der vierte Patzer. Mehr können wir uns nicht leisten. Mach erst mal Pause, Maria. Geh mit Aiden noch mal alles durch, übt und dann könnt ihr wieder kommen.“ Maria nickte zerknirscht.

 

,,Ich habs vermasselt. Entschuldige.“ sagte sie an Aiden gewandt, als sie aus der Tür des Wohnblocks traten. Aiden sah sie nachdenklich an. ,,Das wird nicht einfach, Maria. Ich meine,du weißt schon, worauf das hinaus läuft, oder? Dass du dich ausziehen musst und so?“

Maria nickte stumm und starrte auf die andere Straßenseite. ,,Warum ist diese Szene so ein Problem für dich? Woran liegt es?“ ,,Ich weiß es nicht. Ich würde es gern spielen, aber...es geht nicht. Ich weiß nicht, warum.“  ,,Liegt es an mir?“ Aiden warf ihr einen kurzen, unsicheren Blick zu. ,,Nein, an mir.“

Sie schwiegen eine Weile. ,,Du hast Probleme, wenn ich dich berühre, oder?“

Aiden sah nicht zu ihr. Er sagte es, als würde er seine Gedanken einfach nur laut aussprechen.

Maria sah zu einer Frau, die auf der anderen Straßenseite mit einem Kinderwagen vorbei schlenderte. ,,Ja.“ hauchte sie schließlich. ,,Dieses Problem habe ich immer.“ ,,Ist dir...,Aiden überlegte, wie er die Frage formulieren sollte, damit sie nicht bescheuert klang. Er gab irgendwann auf. ,,Ist dir da mal was Unangenehmes passiert?“ ,,Nein.“ sagte Maria und seine Frage hallte in ihrem Kopf. Nein, das war ehrlich. Es war ihr nie etwas Unangenehmes passiert. Sie konnte es sich nicht erklären. ,,Ich kann es mir nicht erklären. Es ist einfach da.“ Aiden seufzte. ,,Darf ich mal?“ Er trat auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Sie stand ganz steif da, erschrocken und hin und hergerissen zwischen Genuss und Abscheu. Die Abscheu überwog schließlich. ,,Lass mich los.“ sagte sie und zitterte. ,,Gefällt es dir nicht?“ ,,Erfasst!“ Sie stieß ihn beinah zurück, als er sie los ließ und kämpfte gegen das Gefühl, das ihr weismachen wollte, es habe ihr vielleicht doch gefallen. Sie rang nach Atem und unterdrückte einen seltsamen Ekel mit aller Gewalt. ,,Ich werde aussteigen.“ verkündete sie. ,,Aus der Schauspielerei?“ Aiden zog die Augenbrauen hoch. ,,Ja. Es ist der falsche Job für mich.“ ,,Oh....Ich finde, du spielst toll. Aber wenn du so entschieden hast, ist das deine Sache.“

,,Danke.“ Maria lächelte wieder. ,,Wofür?“ ,,Dass du nicht versucht hast, mich zu überreden.“ Jetzt lächelte Aiden ebenfalls. ,,Kein Problem.“

 

,,Ich habe nachgedacht.“ sagte Aiden, als sie sich wenige Wochen später in einem Cafè trafen. ,,Worüber?“ Maria nahm einen Schluck von ihrem Cappuchino. ,,Über die Sache mit den Berührungen. Ich habe mich gefragt, wie...“ Er suchte nach den richtigen Worten. ,,Wie du dich selber siehst. Weil du doch...na ja...ständig lange Sachen trägst und so...“

Maria sah auf. Feindselig betrachtete sie ihn. ,,Was soll das heißen? Stört dich das etwa?“ Aiden holte tief Luft. ,,Nein, aber...ich frage mich nur warum du das tust. Maria, ehrlich: du hast eine völlig normale Figur un...“ Sie unterbrach ihn aufgebracht. ,,Wie willst du das beurteilen? Du bist ein Mann. Du kannst das nicht beurteilen. Was ich trage, ist meine Sache.“ ,,Darum geht es doch auch gar nicht.“ widersprach er verzweifelt. ,,Maria, bitte. Warum versteckst du dich?“ Sie antwortete nicht, sondern sah trotzig in ihre Tasse. Ein paar Mal öffnete sie ihren Mund, verschloss ihn aber wieder. ,,Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig.“ Kühl hob sie ihren Blick. ,,Ich weiß.“ Aiden fuhr sich mit einer Hand durch das schwarze Haar. ,,Aber du...spielst so gut. Ich dachte...“ ,,Ich war dir dankbar, dass du mich nicht überreden wolltest. Ich bin echt enttäuscht. Und dann versuchst du auch noch, mir zu erklären, was mein Problem ist.“

,,Maria.“ rief er ihr hinterher. ,,Maria!“

Sie sah nicht zurück.

 

,,Es stimmt, du hast Recht.“ sagte sie, wohlwissend, dass er keine Ahnung davon hatte, wie schwer ihr diese fünf Worte fielen. Wie oft sie sich im Inneren fast zerissen hätte, weil sie sich weigerte, zu glauben, dass er richtig lag. ,,Womit?“ Aiden wollte es aus ihrem Mund hören.  ,,Mit deiner Frage. Damit, dass ich mich verstecke.“ ,,Und? Wie lautet deine Antwort?“ Maria dachte nach. ,,Wie ich mich selber sehe? Ich denke, dass ich ekelig bin. Und das niemand mit mir zusammen leben wöllte.“ Sie kam sich vor, wie die letzte Idiotin. Warum sollte gerade Aiden das verstehen? Er war ein Mann. Er dachte ganz anders. ,,Und weiter?“ ,,Bist du ein Psychologe?“ fragte sie ihn ein wenig gereizt zurück. ,,Warum denkst du das? Warum denkst du, dass niemand mit dir zusammen leben will?“ Aiden hatte etwas in seinem Blick, dass ihr verriet, dass er sich in ihren Worten wiedererkannt hatte. ,,Weil ich meine Schwächen hasse. Ich hasse es, auf Toilette zu müssen. Ich hasse es, am morgen so verschlafen auszusehen. Ich hasse es, zu rülpsen und...pupsen zu müssen.“ Sie wurde rot. Aiden lachte herzlich. ,,Meinst du, ich pupse nicht? Meinst du, ich muss nicht auf Toilette? Meinst du, ich stinke nicht  nach Schweiß? Maria, diese Schwächen hat doch jeder, weil er Mensch ist.“ ,,Aber warum habe ich das Gefühl, ich bin die Einzigste, bei der sie auffallen?“

,,Vielleicht, weil dir niemand das Gefühl gibt, dass du es nicht bist?“

Sie klammerte sich an ihre Kaffeetasse und kam sich wie eine Verräterin vor, weil sie ausgesprochen hatte, was sie sonst nur dachte.

Aiden lachte erneut. ,,Das ist genau das, was die Medien dir erzählen wollen. Weißt du, was wahre Liebe ist? Den anderen in seiner Unvollkommenheit anzunehmen. Darum geht es. Es geht nicht um Spaß oder Glück oder darum, dem anderen eine perfekte Show zu liefern. Die Medien wissen, dass sie dich mit dieser Masche manipulieren können.“

,,Ich weiß nicht, ob das wirklich die Medien sind, Aiden.“

,,Egal, wer es ist, Maria. Ich weiß, im Schauspielbusiness kann man keine Werte und Moralvorstellungen durchboxen. Aber wenn du wissen willst, wie es ist jemanden richtig zu leben, richtige Nähe zuzulassen, dann frag nicht Hollywood danach.“

 

Sie sahen sich an. Maria sah ihm in die Augen. Aiden sah zurück. ,,Darf...darf ich dich jetzt noch mal küssen? Richtig, meine ich? Hier, im realen Leben?“

Maria zögerte, dann nickte sie langsam.

Es war der echteste und schönste Kuss ihres Lebens.

 

 

 


22.11.14 16:43

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